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  • Milan Raceks Rede zur Austellungseröffnung von Andy Wallenta Open or Close

    Andy Wallenta ist eine Künstlerin, die mehr als die meisten Anderen ihren Ausdruck seit der frühen Kindheit gesucht und geformt hatte. Während der körperlich anspruchsvollen Ausbildung im klassischen Tanz an der Wiener Staatsoper, die sie in ihrem achten Lebensjahr begonnen hatte, war sie ständig mit der Aufgabe konfrontiert, die Schwerkraft zu überwinden, mehr noch – den eigenen Körper gewissermaßen zu entmaterialisieren. Die ohne scheinbare Anstrengung durchgeführte, sozusagen aus dem Nichts entstehenden Sprünge die aneinander gereiht den Anschein des Schwebens vermittelten, waren eines der Ziele des jahrelangen harten Trainings.
    Es überrascht nicht, wenn sich Andy Wallenta auch nach Jahrzehnten dieser Thematik, wenn auch auf einer anderen Ebene, verpflichtet fühlt. Dies ist sichtbar in ihren zahlreichen Installationen, in denen sie wiederholt „entmaterialisierte" Körper, nämlich meist weiße Kleidungsstücke im Raum, der geometrisch von einem Spinnennetz ähnlichen Schnürgeflecht zur einer imaginären Bühne geformt wird, schweben. Die Künstlerin ist aber nicht nur in diesem einen seit ihrer Kindheit da gewesenen Dilemma der Konfrontation der Materie und des Raumes verhaftet.
    Ihre Bilder scheinen einen Ausgleich zu ihrer dreidimensionalen Tätigkeit zu schaffen. Kräftige, in Flächen aufgetragene Farben lassen die Figuren oder Porträts in ihrer ganzen Körperlichkeit erscheinen. Der Unterschied zu den subtilen, fast imaginären Installationen wird bei den zweidimensionalen Arbeiten oft durch ein zusätzliches, witziges Detail noch verstärkt.
    Trotz des Unterschiedes bezüglich der Ausdrucksformen haben Wallentas Arbeiten einen gemeinsamen Nenner. Es ist die zarte Rebellion gegen die nicht nachgewiesenen, trotzdem aber allgemein angenommenen axiomistischen Formen des Daseins. Sie flüchtet – oder besser gesagt – sie sucht hinter der Grenze der Realität nach dem unscheinbaren Wink.

    Milan Racek
    Schriftsteller
    2001-2007 Leiter der Landhausgalerie Ausstellungsbrücke St.Pölten

    April, 2010

  • Misstraue der Idylle – Konzepttext Open or Close

    Misstraue der Idylle (Konzepttext in Deutsch und Englisch, das Projekt wurde am 13.10.2012 im Kunstverein artP, Perchtoldsdorf, NÖ realisiert.)

    Ein interdisziplinäres Projekt zum Thema Missbrauch in unserer heutigen Konsumgesellschaft.
    Missbrauch ist immer ein Symptom von Gier. Das Begehren einer Sache ohne Rücksicht. Gier verursacht Schaden.
    Das ist das Thema dieses interdisziplinären Ausstellungsprojekts, das die vielen Formen des Missbrauchs in verschiedenen Lebensbereichen behandeln soll. Es beinhaltet auch die Bereiche des sexuellen Übergriffs, der Umweltverschmutzung und der steigenden Anzahl von Süchten. Es behandelt auch den Begriff der Entfremdung, die der Hauptgrund für das Ansteigen von Depressionen in unserer konsumorientierten Gesellschaft ist. Das Gegenteil unserer monetaristischen Gesellschaftsordnung ist der Traum vom Paradies, der perfekten Idylle.
    Der Versuch einer Gegengesellschaft eine hermetische Welt zu konstruieren, wie zum Beispiel die katholische Kirche und andere geschlossenen idealistischen Vereinigungen, führen zu unausweichlichen Fragen des Vertrauens, der Gewalt und der Macht. Machtausübung ist ein gefährlicher Balanceakt, ein Moment der Unachtsamkeit und Macht wird zu Missbrauch. Gewalt entsteht durch Zwang, und jeder erzwungene Akt ist Missbrauch.
    Vertrauen, die Basis für jede funktionierende Lebensgemeinschaft, ist heute leider obsolet geworden. Aber ohne Vertrauen, auch in sich selbst, gibt es keine Weiterentwicklung. Leben mit dem Vertrauen in die Zukunft und in die funktionierenden sozialen Systeme ist der wahre paradiesische Zustand, und ohne Sachzwänge handeln zu müssen, wahre Freiheit.
    Das visuelle Konzept der Ausstellung soll den Besucher durch eine Art projiziertes oder gemaltes Labyrinth führen, das in den Sackgassen die Werke präsentiert. Jeder Missbrauch führt letztendlich in eine Sackgasse, ist ein Irrweg.
    Der ganze Ausstellungsraum sollte abgedunkelt werden, und nur die Werke beleuchtet. Dieser Irrgarten soll auch die Verzweiflung des Individuums symbolisieren. Der Betrachter sollte Raum und Zeit haben, seine eigenen Erfahrungen zu dem Thema Missbrauch zu reflektieren. Wir wollen also nicht nur bildende Kunst zeigen sondern auch durch die Atmosphäre des Ausstellungsraums das Thema vermitteln.
    Wir werden dazu 6 - 8 bildende Künstler aus verschiedenen Kunstsparten, wie Fotografie, Installationskunst, Multimedia und Objektkunst einladen, aus Österreich, Deutschland und Ungarn. Eine Performance bei der Eröffnung ist angedacht.
    Als bildende Künstlerin mit Erfahrungen im klassischen und modernen Tanz sowie in der Werbebranche, konnte ich in die Funktionsweisen dieser Bereiche Einblick nehmen, die nur mit Selbstausbeutung vonstatten gehen.
    Meine Frage dazu ist: Ist es möglich Selbstausbeutung durch Selbstverantwortung zu verhindern? Es ist eine Frage nach Freiheit in einer Gesellschaft die jedes lebendige Wesen verbraucht und missbraucht.

    Untrust perfect Idylls [Up A Blind Alley]

    An interdisciplinary project dealing with the concept of abuse in our consumerist society. Abuse is always a sign of greed: the desire of an object without regard for it.
    Greed is the only reason why we cause damage.

    This is the topic of our interdisciplinary exhibition project, which should highlight the multiple forms of misuse in different areas of life. It includes the domains of sex assault, environmental pollution and the escalating number of addictions. It also includes the concept of alienation, which is the main reason for the increasing number of depressions in an achievement-oriented society. The opposite of a monetarily driven society is the dream of paradise: the perfect idyll. This attempt to build a hermetic world, like for example the association of the Catholic Church, or other closed idealistic organizations, leads to the questions of trust, violence and power.

    To exercise power is a dangerous balancing act - one moment of carelessness and power turns to misuse. Violence grows out of constraint. And every forced act is a misuse. Trust, a basis for every functioning life partnership, has unfortunately become obsolete. But without confidence there is no flow. To live on with trusting in the future and in the surrounding social systems is the real paradise and to act without inherent necessity is the real freedom for the individual.

    The visual concept for the exhibition should lead the spectator through a kind of labyrinth projection on the floor, where the works should be presented in the blind alleies of the labyrinth. As we know, all misuse always leads up a blind alley. The whole area should be kept in darkness, and only the artworks should be illuminated. This labyrinth also symbolizes the despair of the individual. The visitor should have the time and the space for reflecting on his own experiences with the subject of abuse. I do not want only to present visual art, I also want to convey this subject to the visitor through the atmosphere of the setting. I would invite 6 - 8  artists from Europe - Hungary, Germany, the UK and Austria from different artforms, like photography, object art, installation, video and other kinds of visual art. A performance at the opening is also conceivable.

    I am a visual artist, born in Austria,Vienna, the city of Sigmund Freud, with experiences in classical and modern dance, and later as graphic designer for advertising agencies. Both these environments function well with self exploitation. My question is: "Is it possible to avoid self abuse by being a self-aware and responsible person?"
    It is the question of freedom in a system, which uses and abuses every living creature on this planet.

    Rede zur Ausstellungseröffnung am 13.10.2012
    Text und Führung durch die Ausstellung von Andy Wallenta

    Es ist 12 Uhr mittags und in unserem idyllischen Weinviertler Ort klingen die Kirchenglocken laut bis in die umliegenden Häuser herein. Ein eindringliches, ermahnendes Läuten ist das. Ein Klingen gegen den Irrsinn, ein Einfordern der Normalität, ein zeitliches Richtmaß.
    In den Häusern wird gelebt, geliebt, gestritten, gekämpft , gearbeitet, verbraucht und missbraucht. Meistens erkennt man an der Fassade nicht wie es innen aussieht, manchmal schon. Meistens ist alles schön und glatt, gepflegt und sauber. So soll es sein.
    Ich misstraue der Idylle, erahne die möglichen Abgründe, fürchte die Irrationalität im Mantel der Normalität. Warum? Weil unser Miteinander so ein kompliziertes Konstrukt geworden ist? Weil die Gefahr besteht, dass Beziehungskonstruktionen wie ein Kartenhaus einbrechen können? Wovor habe ich Angst?
    Vor der Gier, die uns entmenschlicht.
    Die Künstler, die ich zu diesem Ausstellungsprojekt eingeladen habe sind Menschen, die sich nicht scheuen, die Initiative gegen die Unmenschlichkeit zu ergreifen, es sind agierende Künstler, die mit ihren Arbeiten eingreifen und sich der Humanität zuwenden.

    Ágnes Szabics zum Beispiel arbeitet bevorzugt mit digitalen Fotoarbeiten im öffentlichen Raum. Ihre Bilder und Installationsserien heißen Survival Exercises. Sie platziert ihre Arbeiten, die meistens auf transparente Folie gedruckt sind, auf Fenster, Glas oder auch U-Bahn Wänden. Das Licht ist ein wichtiger Dialogpartner ihrer sehr vielschichtigen Fotomontagen und Installationen. Wie zuletzt in ihrer Serie für eine Schule für Sehbehinderte Kinder, dort hat sie ihre Abbildungen durch geplottete (ausgestanzte) ertastbare Bilder ergänzt. Diese Methode hat sie nun hier heute fortgesetzt, indem sie einen Dialog mit den ausgestellten Arbeiten eingeht und diese auf sensorische Art und Weise vermitteln möchte.
    Anfassen ausdrücklich erlaubt!

    Bei Karin Frank ist der Tastsinn naturgemäß ein enorm wichtiger in ihrer Arbeit als Bildhauerin. Ihr gelingt es mit ihren Skulpturen in unser Innerstes vorzudringen, diese Arbeiten arbeiten in uns weiter. Sie ist für mich in ihrer kompromisslosen Darstellung des menschlichen Körpers ähnlich frei agierend wie Egon Schiele. Die „Verstrickung" stellt für mich das Ausgesetztsein an der Sucht oder den Bedürfnissen des eigenen Körpers dar.

    Ähnlich verhält es sich auch mit Janos Szurcsik´s Skulpturen, auch er dringt mit seinen Werken in unser Innerstes, verwirrt uns mit scheinbar ambivalenten Aussagen, die uns aber dann doch zur richtigen Conclusio führen.
    Das Kriegslamm Jesus warf die Händler aus dem Tempel, sein Motiv war die Suche nach der Liebe und Wahrhaftigkeit, doch das Christentum überwältigte die Neue Welt unter diesem Vorwand mit schier unglaublicher Grausamkeit und Gier. Gier war auch der Antrieb der Kreuzzüge. Janos Szurcsik´s Bootsobjekte behandeln auch das Thema „Orientierungslosigkeit" und greifen dadurch mit ihren Fragestellungen direkt in unser Weltbild ein.

    Jenö Lévay´s Fotoarbeiten leben auch von gegensätzlichen Motiven, die digital vereint worden sind. Die idyllische Schafherde in seiner Arbeit „Tömegszerencse", übersetzt bedeutet das das Gegenteil von Massenkatastrophe, also Massenglück, diese Schafherde interpretiere ich als Zwangsbeglückung, dringt in historische
    Gemäuer ein und hinterlässt eine neue tierische Landschaft. Sie nivelliert nach unten. In der Arbeit „Árteri barokk" , bedroht das wilde Biest Gier die Schönheit. Bei dieser Arbeit wurde das faszinierende Medium Harmonografie verwendet. Eine digitale Kamera, die Bilder und Bewegungen verzerrt wiedergibt.
    Jenö Levay agiert oft auch als Performer, auch ihm ist die bloße zweidimensionale Abbildung nicht genug, auch er will in das Bild eindringen. Das bewegte Bild ist auch in seiner Videoarbeit „Szürke Felhök" Graue Wolken mit der Musik von Franz Liszt, Träger einer unheimlichen Botschaft. Für mich stellt es pathologische organische Vorgänge dar, die sich auf die Seele und den Verstand auswirken.

    Auch Christa Zauner greift ein. In ihre eigene Fotoarbeiten und in den öffentlichen Raum. Auch sie eine engagierte und empathische Beobachterin ihrer Umwelt, auch ihr ist es nicht genug, bloß abzubilden. Sie dringt mit ihren Zeichnungen in die Oberfläche der Fotografie ein, schneidet ein, entfernt Schichten oder gießt sie in Kunstharz ein. Auch sie ist eine Agitatorin. Bei ihrem Ausstellungsprojekt fe/male 2001 in einer Wiener U-Bahnstation irritierte sie mit ihrer Plakat - Intervention über das Thema Androgynität vorübereilende Passanten. Ihr Ausstellungsprojekt PS-Parolen/Slogans 2010 in Wien befasste sich mit den Auswirkungen der politischen Polemik in der Gesellschaft. Ihre Arbeit über Wolfskinder handelt von dem Missbrauch der Wissenschaft und Forschung, der an in der Wildnis aufgefundenen Kindern, betrieben worden ist.

    In László Karácsonyi´s Arbeit „deep show" regiert nach außen hin auch die Idylle, aber „peepen" sie mal durch das Fenster der Fassade.
    Laszlo Karácsonyi verwendet oft Spielzeugfiguren oder Figuren aus kommerzieller „Volksbeglückungsfabrikation", wie bei er Arbeit „Holy Shit" zum Aufzeigen gesellschaftlicher Pathologien. Die Röntgenaufnahmen Kuckuck zeigen zuerst László´s Schädel und den dazugehörigen Vogel dazu. Ich mag Lászlós schwarzen Humor.
    Der kohlrabenschwarze Singvogel mit dem Nest aus Spielzeugsoldaten ist auch ein trauriger Abgesang an den Glauben der perfekten Idylle.

    Wie auch meine Installation „ Interdependent" , die ein Papierobjekt von mir, entstanden 2009 in Miskolc, zusammen mit Laszlo´s Blumensamenprojektion zeigt. Meine ersten Papierobjekte entstanden 2007 auf dem Landart Symposium „Feenwiese" Niederösterreich. Dort hingen papierene Kinder- und Frauenkleider in einem Wäldchen. Ich nannte sie „Spirits" Geister. Meine Serie „Nester" untersucht den Begriff Geborgenheit in einer monetär bestimmten Umwelt und wurde 2012 für die Ausstellung" den blick öffnen" in Wiener Neustadt angefertigt.

    DANKE an Brigitte Lang und Michaela Seif vom Kunstverein Art P, die diese Ausstellung möglich gemacht haben! Sie hatten ein offenes Ohr und offenes Herz für mein Anliegen!
    DANKE an die mitwirkenden Künstler, großartige Menschen, die mein Thema mit ihren Werken bereichert haben!


     

  • Über die Liebe (Text/Glosse für die Kulturzeitschrift Filter, Krems) Open or Close

    Liebe ist ein klebrig weicher süß salziger Kitt. Überlebensklebstoff. Dieses Bindemittel hat nichts Geheimnisvolles an sich, es ist einfach nützlich. Ohne diesen natürlichen Zusatzstoff wird man krank, stirbt man. Lieben muss man. Es ist eine biologische Notwendigkeit wie essen, trinken und schlafen. Doch obwohl heute die Liebe hitzig besungen und herbeigerappt wird, kommt es mir vor, als ob sie eine Mangelerscheinung geworden wäre. So wie Nährstoffmangel, Eisenmangel oder Zeitmangel. Wie kleine trockene Inseln in einem japanischen Steingarten stehen wir da und warten auf die lebensspendende Flut, die in so einem künstlichen Garten nie erscheinen wird. Ich glaube, dass Liebe vormals etwas so Kostbares aber auch Natürliches gewesen ist, dass man sogar darüber schweigen konnte. Man wusste. Man schaute einander an und wusste. Ein Lächeln erwärmte die Erde, ließ uns fließen und gleiten, nährte und verband uns. Warum geht das heute so schwer? Dieses Lächeln? Zu verbindlich? Schau dein Gegenüber einmal an und lächle verbindlich, er wird davonrennen. Wir haben vergessen, dass wir lieben müssen. Was tun wir nicht alles stattdessen? Zwischenmenschlicher Kontakt ist keine Verpflichtung, aber was ist es dann? Das klebrige Netz, das wir heute spinnen, fängt morgen unsere Kinder auf und nährt sie, damit sie darüber ein noch feineres Netz weben können, das noch besser hält und niemanden ins Bodenlose fallen lässt.

    Text erschienen im "Filter" (2000-2001) kremser Kulturzeitschrift von LanserNutz

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